Anja Lenz - Psychologische Praxis - Lebens-Balance
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2026-01-25

Therapeut, Coach, Berater – Guru?!

In den letzten Jahren findet man gerade auf Social Media immer öfter Menschen, die sich als Coach, Mentor, Heiler oder Experte präsentieren und deren zentrale Botschaft lautet:
„Ich allein mache dich reich, gesund oder erfolgreich.“

Als Psychologin beobachte ich diese Entwicklung mit Sorge. Nicht, weil professionelle Begleitung per se problematisch wäre, im Gegenteil. Sondern weil hier eine Grenzverschiebung stattfindet, die psychologisch hochrelevant und potenziell gefährlich ist: der Übergang von seriöser Unterstützung hin zu einem modernen Gurutum.

Was macht einen „Guru“ aus?
Ein Guru im klassischen Sinne ist keine fachlich überprüfbare Instanz, sondern eine Person, die sich als alleinige Quelle der Wahrheit, Lösung oder Erlösung inszeniert. Das Credo ist oft:
„Nur meine Methode funktioniert wirklich.“
„Andere verstehen dich nicht, ich schon.“
„Wenn du mir nicht folgst, sabotierst du dich selbst.“
„Zweifel sind dein Ego / dein Trauma / dein Widerstand.“

Diese Botschaften wirken auf den ersten Blick bestärkend. Tatsächlich aber erzeugen sie Abhängigkeit, Selbstentwertung und die Angst, etwas zu verpassen oder „falsch“ zu machen.

Warum ist das psychologisch problematisch?
Aus psychologischer Sicht basiert nachhaltige Veränderung nicht auf Unterwerfung, sondern auf Selbstwirksamkeit. Menschen werden stabiler, gesünder und autonomer, wenn sie erleben: Ich selbst kann verstehen, entscheiden und gestalten.

Gurutum arbeitet genau dagegen. Es verschiebt die Verantwortung weg vom Individuum hin zur „führenden“ Person. Scheitert die Veränderung, liegt es dann nicht an der Methode oder daran, dass Klient und Therapeut nicht zusammenpassen, sondern am Klienten: der hat zu wenig Einsatz, zu wenig Glauben, zu wenig Commitment gezeigt und ist somit selbst schuld und muss sich mehr anstrengen.

Diese Haltung ist kein Zufall, sondern ein bekanntes manipulativer Muster.

Therapie, Coaching und Beratung haben Grenzen – und das ist gut so
Seriöse Therapeut:innen, Coaches und Berater:innen unterscheiden sich fundamental von Gurus:
Sie versprechen keine Wunder.
Sie arbeiten transparent, nachvollziehbar und überprüfbar.
Sie ermutigen zur eigenen Urteilsfähigkeit, auch zur Kritik an ihnen selbst.
Sie akzeptieren, dass nicht jede Methode für jeden Menschen passt.
Sie wissen um die Grenzen ihrer Rolle, sowohl fachlich als auch ethisch und menschlich.

Ein Satz, den man von seriösen Fachpersonen häufig hört, von Gurus jedoch nie:
„Das könnte für Sie hilfreich sein – oder auch nicht.“

Warum sind Menschen trotzdem anfällig für Gurutum?
Die Antwort darauf ist unbequem, aber wichtig:
Menschen wenden sich Gurus nicht zu, weil sie naiv sind oder den einfachsten Weg gehen wollen, sondern weil sie verunsichert, überfordert oder leidend sind. 
In Krisen suchen wir Halt, Klarheit und einfache Antworten. Je komplexer und unsicherer die Welt wird, desto verlockender erscheint jemand, der sagt: „Folge mir, ich kenne den Weg.“
Das ist zutiefst menschlich. Und genau deshalb braucht es hier besondere Verantwortung auf Seiten derjenigen, die begleiten wollen.

Die ethische Verantwortung von Begleitenden
Als Psychologin sehe ich meine Aufgabe nicht darin, Menschen an mich zu binden, sondern mich für sie überflüssig zu machen. Gute Begleitung stärkt Autonomie, nicht Abhängigkeit. Sie lädt ein und unterwirft nicht. Sie öffnet Räume, statt sie zu begrenzen.
Wer behauptet, allein heilen, retten oder erfolgreich machen zu können, verlässt diesen professionellen Rahmen, egal, wie charismatisch, empathisch oder „erfolgreich“ er oder sie wirkt.

Ein Plädoyer für kritisches Denken
Nicht jede starke Persönlichkeit ist ein Guru. Und nicht jedes Coaching-Angebot ist unseriös. Aber überall dort, wo Kritik abgewertet wird, Zweifel pathologisiert werden, Alternativen diskreditiert werden und Loyalität wichtiger ist als Entwicklung, sollten alle Alarmglocken läuten.
Psychische Gesundheit, persönliche Entwicklung und Lebensgestaltung sind keine Produkte, die man „kauft“, und kein Zustand, den jemand anderes einem „bereitet“. Sie sind Prozesse: komplex, individuell und niemals exklusiv von einer Person erhaltbar.

Fazit
Therapeut:innen, Coaches und Berater:innen können wertvolle Wegbegleiter sein.
Gurus hingegen nehmen Menschen den Weg ab und damit oft auch ein Stück Freiheit.
Gerade in einer Zeit, in der Orientierung gesucht wird, braucht es keine Heilsversprechen, sondern Mündigkeit, Transparenz und Beziehung auf Augenhöhe.

Und manchmal ist der professionellste Satz eben nicht: „Ich habe die Lösung.“
Sondern: „Lassen Sie uns gemeinsam verstehen, was für Sie stimmig ist.“

Admin - 16:18:42 | Kommentar hinzufügen